Endlich hatte ich mich vom Schreibtisch losgerissen, um eine große Runde mit meinem Hund zu laufen. Ich war gerade mit Cosmo vom Parkplatz losgegangen und freute mich auf einen entspannten Spaziergang im Wald. Plötzlich sah ich aus einiger Entfernung einen freilaufenden Hund auf unseren Weg abbiegen. Von seiner Begleitung war weit und breit nichts zu sehen. Mein Hund und ich waren wie erstarrt. Je näher der Hund kam, umso heftiger pochte mein Herz.

Wie begrenze ich meinen Hund?

Zu dieser Zeit lief ich mit einer riesigen Bauchtasche durch die Gegend. Neben einer langen Schleppleine und einem Sack mit Leckerli war ich mit einer Wurfschelle und einer Wasserspritzflasche aus Plastik bewaffnet. Diese Dinge waren nicht etwa dafür da, freilaufende Hund erfolgreich abzuwehren, sondern dazu gedacht, meinen eigenen Hund in genau solchen Situationen zu begrenzen. Schließlich fiel er immer wieder durch sein wütendes Gebell unangenehm auf.

Da müssen wir jetzt durch!

Wie der andere Hund auf uns zukam, dachte ich: „Da müssen wir jetzt halt durch!“ Als er nur noch wenige Meter entfernt war, löste Cosmo aus. Er sprang in die Leine, knurrte und bellte wie verrückt. Doch sein Theater beeindruckte den Anderen nicht im Geringsten. Dieser kam immer noch näher. Ich hatte keine Idee, wie ich meinen Hund beruhigen sollte, und griff stattdessen reflexartig nach der Wasserflasche, um den freilaufenden Hund abzuwehren.

Ich wollte den freilaufenden Hund abwehren.

Die Flasche traf nicht. Die Aktion nahm der Hund interessiert, aber wenig beeindruckt zur Kenntnis. Eben in diesem Moment bog sein Herrchen um die Ecke, um gerade noch zu sehen, wie die Flasche flog. Mit deutlicher Verspätung, die vermutlich seiner Leibesfülle geschuldet war, traf er am Ort des Geschehens ein. Ich hätte erwartet, dass er seinen Hund zu sich nimmt oder sich wenigstens für den Stress entschuldigt, den dieser offensichtlich bei uns produziert hatte, doch er hob vorwurfsvoll an: „Mit der Flasche hätten Sie ihn ja erschlagen können!“

Hund von Wasserflasche erschlagen

Das war der Moment, in dem ich einen Wutanfall bekam. Ich war so sauer. Cosmo ließ sich überhaupt nicht mehr beruhigen. Was wir diesem Hundehalter alles an den Kopf geworfen habe, das weiß ich nicht mehr so genau. Aber ich für meinen Teil hatte ihm so einiges zu sagen. Es ging ein paar Mal zwischen uns hin und her, während er sich aus meiner Schusslinie entfernte, nicht ohne mir noch ein paar schlimme Dinge hinterherzurufen.

Dein Hund hat überreagiert.

Schon wenige Sekunden nach meinem Ausbruch, zog ich innerlich mit mir ins Gericht: „Was wird der jetzt von dir denken. Das erzählt er bestimmt im Dorf herum. Dann bist du die verrückte Hundehalterin mit der Wasserflasche. Diesen Ruf wirst du nicht mehr los. Außerdem war sein Hund ja harmlos. Es ist gar nichts passiert. Dein Hund hat völlig überreagiert.“ In der beschriebenen Hundebegegnung floss kein Blut. Weder mein Hund noch ich wurden angegriffen oder verletzt. Rechtlich würde man sagen, die Lage ist eindeutig. Dem Mann kann man zwar vorwerfen, dass er seinen Hund nicht an der Leine hatte, aber weiter nichts. Doch hier geht es nicht ums Recht. Es geht darum, die eigenen Grenzen und die deines Hundes ernst zu nehmen.

Die Hundebegegnung war ein Spiegel meiner Gedanken

Der Mann und sein Hund, die weder mich noch meinen Hund in unseren Bedürfnissen ernst nahmen, waren ein Spiegel meiner Gedanken. Sie zeigten mir, wie ich mit meinem Hund und mit mir selbst in Hundebegegnungen damals umgegangen bin. Anstatt auf unsere Grenzen zu achten und sie ernst zu nehmen, wartete ich darauf, dass andere das taten oder mir zumindest mein Recht zugestanden, z. B. mich einfach umzudrehen, auszuweichen oder sogar ins Auto zu sitzen, wenn ich keinen Kontakt wollte. Ich wollte mich nicht schwach fühlen und nicht nachgeben, mir vor anderen nicht die Blöße geben und durch wütendes Gebrüll auffallen. Heute weiß ich, dass es eine persönliche Stärke ist, nach meinen eigenen Bedürfnissen zu handeln und dass ich auf diese Weise freilaufende Hunde erfolgreich abwehren kann.

Persönlichkeitsentwicklung braucht Wutentwicklung.

Die Geschichte mit der Wasserflasche ist schon ein paar Jahre her. Sie stand am Anfang meiner Wut- und damit auch meiner Persönlichkeitsentwicklung mit Hund. Durch meinen Wutausbruch war mir das Gefühl sehr präsent und ich konnte auch die Wut meines Hundes nachvollziehen. Die achtsame Selbstbeobachtung hatte mir deutlich gemacht, dass mein Hund und ich solche Hundebegegnungen nicht (mehr) brauchten. Die Wut so genau zu spüren, half mir, meine Grenzen und die meines Hundes in Zukunft ernst zu nehmen. Nicht indem ich von anderen erwarte, dass sie sich nach mir richten und sie für meinen Frieden verantwortlich mache, sondern indem ich für meinen Frieden sorge und selbstverantwortlich handle. Den Mann habe ich danach nie wieder getroffen. Dafür begegnen mir heute viel mehr rücksichtsvolle Hundehalter, die sich noch dazu herzlich bedanken, wenn ich ihnen Platz mache.