Trainierst du absolut positiv?

„Wir arbeiten nur mit Trainerinnen zusammen, die absolut positiv trainieren und da haben wir hohe Ansprüche, ein Leinenruck wäre für uns schon ein No-Go …“. Solche Sätze höre ich immer wieder und am Ende kommt dann die obligatorische Frage: „Trainierst du auch absolut positiv?“

Natürlich sagst du „JA!“ Eine andere Antwort würde dich auch ruckzuck mit Cesar Milan & Co. auf eine Stufe stellen und mit diesem „Un-Hundemensch“ möchte man dieser Tage nicht gerne in Verbindung gebracht werden. Also bekennen wir als „Gute-Hundemenschen“ unseren Glauben an das positive Training.

Aber genau an diesem Punkt hört für mich der Glaube an das positive Training auf. Wäre ich ein Hund, dann würde sich mir jetzt das Fell stellen und ich täte meinem ganzen Unwohlsein durch ein beeindruckendes Knurren und Zähnefletschen kund. Denn hinter solchen Aussagen rieche ich förmlich, dass jemand hinter seiner Methode so felsenfest steht, dass er damit anderen Menschen den Weg verbaut.

Wenn positiv heißt,

  • dass du dein Leben mit Hund auf eine bestimmte Art leben musst
  • dass du dich nicht mehr traust, zu sagen, was du wirklich fühlst, denkst, willst
  • dass für dich positives Training die einzige Möglichkeit ist, mit Hund perfekt zu sein
  • dass du still hältst, weil Konflikte mit Mensch und Hund gefährlich sind
  • dass du abschätzig über Menschen redest, die nicht absolut positiv trainieren

.. dann geb‘ ich’s jetzt zu, ich trainiere nicht absolut positiv! Positiv zu trainieren, heißt für mich nämlich etwas anderes. Es heißt:

  • auf Augenhöhe mit Menschen zu arbeiten, sie größer zu machen und zu ermächtigen, ihre Grenzen gegenüber Mensch und Hund maßvoll und klar zu setzen.
  • Menschen zu bestärken, das zu sagen, was sie denken, fühlen, wollen.
  • sich von Perfektionismus und dem Zwang zur Selbstoptimierung zu befreien.
  • Konflikte als Chancen zu begreifen und zu lernen, sie konstruktiv zu lösen.
  • wertschätzend mit-einander zu reden, anstatt abschätzig über-einander zu reden.

Auch innerhalb des positiven Trainings kannst du deine eigene Methode finden und zwischen tierschutzrelevant und absolut positiv gibt es definitiv noch Spielräume. Hör’ auf dein Bauchgefühl und sag’ STOPP, wenn’s dir zu dogmatisch wird. Mach’ es auf deine Art!

Und jetzt bist du dran: Trainierst du absolut positiv?

Ich freue mich auf deinen Kommentar! Trau‘ dich 😉

 

Anna Meißner ist Strukturgeberin für Persönlichkeit & Entwicklung. Sie hilft Menschen, sich selbst auf die Spur zu kommen, um mutig und klar ihren Weg zu gehen.

15 Comments

  1. Mit dem „absolut positiv“ ist das so eine Sache. Denn wer ausschließlich „positiv“ arbeitet, dürfte ja den Hund nicht einmal ignorieren. Denn Ignorieren ist durchaus eine Strafe – der Entzug von etwas, das mir wichtig ist – Sozialkontakt. Dem Hund etwas wegzunehmen, ihn daran zu hindern, dorthin zu laufen, wo er gerade hin möchte (selbst wenn es aus Sicherheitsgründen ist), fühlt sich für den Hund bestimmt nicht gerade angenehm/positiv an. Ich stelle daher in Frage, dass es überhaupt möglich ist, absolut „positiv“ zu trainieren.

    • Liebe Karin,
      vielen Dank für deine Gedanken zum Thema! Unabhängig davon, ob es das absolut positive Training gibt – vielleicht hat jemand tatsächlich für sich einen gewaltfreien Weg mit Hund gefunden 😉 – geht es mir um den zwischenmenschlichen Umgang und die Doppelmoral im Hinblick auf Gewaltfreiheit.

  2. Hallo! 🙂
    Ich hoffe ich hab jetzt richtig verstanden, was du meinst 😉

    Es ist nunmal so, dass in der Regel nur die „Extremen“ Diskussionen beginnen.
    Ich nehme als Vergleich gerne die Veganer (Achtung, will niemanden beleidigen ;)) :
    Die meisten fangen ja von sich aus an, weil sie sind vegan, und alles andere ist falsch, auch ein Veggie ist böse, alle sind böse, auch andere Veganer, falls die zb Plastiktüten nehmen…

    So ist das auch mit den „extrem positiven“… die ganze Welt dreht sich darum, und die fahren das auch mit allen Schimpfwörtern die Duden hergibt auf. Warum das so ist… ich habe keine Ahnung, ist ein komisches Phänomen….
    Wenn man so einen am Hundeplatz trifft, man sagt nur „Hallo“ kommt schon „Hallo, ich trainiere nuuuuuur positiv, ein Leinenruck ist böse, und man darf auch nicht mit Hunden schimpfen….“ Ich kann mich echt an keine Situation erinnern die von einem „Normalo“ gestartet wurde….

    Ich zb trainiere sehr viel mit dem Klicker, ich liebe dieses Teil. Auch bin ich ein großzügiger Leckerliespender, Hund kann es sich leisten, und in 99% der Fälle gibts für eine Aufgabe („Befehl“) einen Keks, und wenn nicht, fliegt das Spiiielie, und wenn nix davon da ist, werfe ich mich auf den Boden und beginne ein wildes Spiel ?
    Dafür muss ich auch sagen, dass mein(e) Hunde immer hören, weil es ist super zu tun was Frauli sagt… manche sagen es ist Glück, also das ich einfache Hunde habe… mir egal, könnte ja sein, jedenfalls ist es gut so wie es ist.
    Lg Moni und die Höllenhunde 🙂

    • Danke dir, liebe Moni mit den Höllenhunden, für deinen Kommentar!
      Du hast alles richtig verstanden. Es geht mir um die endlosen Diskussionen darüber, was positiv ist und was nicht und dass dabei die Begeisterung und das Glück mit unseren Hunden zusammen zu sein aus dem Blick gerät, weil man so damit beschäftigt ist, alles „positiv“ zu machen. Es würde mich freuen, wenn wir im Hundetraining mehr Offenheit und Toleranz gegenüber vielfältigen Trainingsansätzen entwickeln könnten, damit jede/r einen guten sprich „positiven“ Weg mit Hund finden kann.

  3. Ich stimme Dir zu! Ich finde, es ist auch eine Art des Respekterweisens, wenn man sich seinem Tier und anderen Menschen gegenüber nicht gemäß einem dogmatischen Allroundkonzepts verstellt. Ich lebe mit meinem Hund zusammen, ich liebe ihn und würde ihm niemals etwas Gewalttätiges antun. Das gilt doch für die allermeisten Hundebesitzer! Aber Rumo ist wie jeder Hund durchaus in der Lage, etwas gut, egal oder blöd zu finden. Natürlich zeige ich ihm dann auch, dass auch ich Sachen gut, egal oder blöd finde und -ja- er muss sich danach richten. Hunde lesen so viel in der Körpersprache und sogar in Gesichtsausdrücken von Menschen, sich ausschließlich auf Friedefreudeeierkuchen zu verstellen bringt da nichts. Da kann man auch gleich so fair sein und klar kommunizieren (mit Stimme und Gesten), wenn etwas nicht in Ordnung ist, damit es nicht zu Missverständnissen kommt.
    Viele liebe Grüße

  4. Hallo 🙂
    Also ‚absolut und ausschließlich positiv‘ zu trainieren stelle ich mir sehr schwierig vor. Man denke mal daran, dass ein Hund in einer Rangirdnung lebt und man als Hundeführer der Rudelführer sein sollte, damit der Hund auch zuverlässig und gehorsam ist. Das beste Beispiel hierfür liefert uns der Wolf, wovon ja jeder unserer Lieblinge abstammt. Auch gibt es Situationen in denen es nicht möglich ist, nur positiv zu agieren. Bsp: mein Hund möchte, weil er schlecht sozuslisiert wurde, einen Menschen oder anderen Hund angreifen, dann bringt mir auch der beste Keks nicht mehr viel um meinem Hund eine Alternative zu bieten. Natürlich biete ich meinem Hund IMMER an, etwas toll zu machen, wofür es dann eine Belohnung gibt. Und ein Negativ wie Leinenruck, Wasser, Rasselkette etc. sollte man sich vom Profi erklären lassen, damit der beste Freund auch wirklich keinen Schaden davon trägt! Denn das solle jedem Hundebesitzer am Herzen liegen.

    • Hallo liebe Lina
      Vielen Dank, dass du deine Ansicht mit uns teilst 🙂
      Es ist wirklich ein schönes Ziel, nur positiv zu trainieren und in vielen Trainingssituationen ist es auch sinnvoll, aber im Alltag mit Hund werden wir Menschen leider an diesem Anspruch scheitern. Das sehe ich ganz ähnlich wie du, z. B. in Momenten, in denen wir Menschen oder Hunde (vor sich selbst) schützen und ein- oder durchgreifen müssen, damit nichts Schlimmeres passiert.

  5. Geht es letztendlich nicht einfach nur um Respekt vor einem Lebewesen? Darum, darauf zu achten, was dieser eine Hund braucht? Auch darum, sich selbst zu erkennen? Um Akzeptanz, von einem selbst und vom Wesen dieses einen Hundes? Positiv – im Hundetraining hat dieses Wort eine mathematische Bedeutung, also das Hinzufügen von etwas. Und fügt man zuviel hinzu, ist es auch nicht gut. Weder zu viel Positives noch zu viel Negatives also. Ich muss sagen, dass ich im Großen und Ganzen im guten Sinn des Wortes „positiv“ trainieren möchte. Was aber durchaus auch beinhaltet, dass ich Grenzen setzen muss. Wie ich diese Grenzen setze hat wiederum mit mir als Mensch zu tun, wie ich bin. Und ich muss ein Auge darauf haben, wie mein Hund ist und was er braucht. Und ich darf immer wieder dazu lernen.

    • Liebe Antonietta
      Das Grenzen setzen hat mit uns selbst zu tun und wie wir sind. Ganz genau 🙂 Eine sehr schöne Formulierung. Ich bin ganz bei dir, dass wir uns selbst kennen müssen, um feinfühlig und klar gegenüber Hund (und Mensch) Grenzen setzen können. Das ist ein Entwicklungsprozess und auch das, was ich unter Persönlichkeitsentwicklung mit Hund verstehe. Herzlichen Dank für deine Gedanken!

  6. Trainiere ich positiv mit meinem Hund? Ja, aber….
    Ich gehöre zu den Hundefrauchen, die ihrem Hund eine Struktur vorgeben innerhalb derer er sich gut bewegen kann. Ich achte darauf, dass mein Hund auf seine Kosten kommt. Ich achte aber auch darauf, dass es mir gut dabei geht.
    Ich gehöre nicht zu denen, die schon ein klares NEIN oder eine kurze Bewegungseinschränkung als Gewaltanwendung klassifizieren. Bei uns läuft das unter Kommunikation – und es läuft gut.
    Sehr mutig von Dir, liebe Anna, dass Du dieses Thema einmal angegangen bist. Ich bin da voll bei Dir.
    Liebe Grüße aus dem hohen Norden, Birgit und ein positiv gestimmter Finley 😉

    • Hallo liebe Birgit
      Herzlichen Dank für deinen Kommentar! Besonders gefällt mir, dass du auf Finley achtest und gleichzeitig darauf, dass es dir gut geht. In gesunden Beziehungen braucht es diese Balance. Das ist nicht immer einfach, weil uns unsere Hunde so am Herzen liegen und wir ihnen gerne die Freiheit zugestehen würden, die wir selbst im Leben manchmal vermissen. Ich verstehe den Wunsch, nach einem positiven Umgang mit Mensch und Tier sehr gut. Nur werden wir es nicht erreichen, wenn wir uns gegenseitig beschuldigen, nicht „positiv“ genug zu sein oder nicht „richtig“ mit Hund umzugehen.
      Dieser Artikel hat mir gezeigt, es lohnt sich wirklich, mutig zu sein, denn nur wenn man sagt, was man fühlt, denkt und will, findet man Mitstreiterinnen – wie dich 🙂

  7. Mit meinen mittlerweile 50 Jahren und hoffentlich der entsprechenden Lebenserfahrung und als Mutter zweier inzwischen erwachsenen Kinder, stelle ich immer wieder fest, dass sich die Erziehung von Hunden nicht wesentlich derer der Kinder unterscheidet. Wenn nötig müssen Grenzen aufgezeigt werden und manchmal geht es nicht ohne eine gewisse Schärfe. Positives Training bedeutet für mich in erster Linie liebevolle Erziehung und liebevolle Erziehung bedeutet positives Verhalten zu bestärken und zu belohnen und negatives Verhalten zu korrigieren bzw. zu unterbinden. Bei dem einen reicht zur Korrektur ein strenger Blick, beim anderen ist durchaus auch mal ein Ruck an der Leine notwendig.

    • Hallo liebe Daniela,
      vielen Dank für deinen Kommentar und deinen Beitrag aus der Sicht der erfahrenen Mutter und Hundehalterin! Es ist sicherlich was dran, dass Erziehung von Kindern und Hunden eine ähnlich Grundhaltung erfordert. Kinder wie Hunde sind alle unterschiedlich und so teile ich deine Ansicht, dass es auch unterschiedliche Formen der Ansprache braucht.

  8. Danke für Deinen gefühlvollen Beitrag, Anna.
    Ohne lang drum rum zu reden: Ein rein positives Training oder eine rein positive Erziehung ist nicht nur nicht möglich, sondern ruft sowohl falsche Erwartungen als auch Ergebnisse hervor, die Anarchie, Chaos und unstrukturierte soziale Gemeinschaften hervorbringen. Allein schon die Begriffwahl ist irreführend, denn unter positiv wird ja im angesprochenen Zusammenhang etwas angenehmes verstanden. Mit nur Angenehmen (Bestätigungen/Belohnungen) ist jedoch kein Wachstum und keine Weiterentwicklung möglich. Weder in der Natur, noch bei Menschen und auch nicht bei Hunden.
    Gerade „negative Dinge“ (keine Gewalt! Wobei die Frage erlaubt sein darf, wo beginnt Gewalt? Ein bekannter Hundetrainer sagte mal: streng genommen stellt das Anleinen eines Hundes bereits einen Akt der Gewalt dar!), also bspw. Grenzen, Einschränkungen, Hindernisse, Unterbrechungen, fördern Struktur, Kreativität und Weiterentwicklung. In der vom Menschen unbeeinflussten Natur fördern Naturkatastrohen, Brände, Überschwemmungen die Schaffung neuen Lebens in neuen Lebensräumen und ermöglichen manchmal überhaupt erst die Fortführung des Lebenskreislaufs. Was ist also positiv und was negativ?
    In der menschlichen (und auch der hundlichen) Entwicklung bedarf es Herausforderungen, Grenzen und vor allem der Strafe. Unter Strafe verstehe ich hier jedoch die Begriffe aus der Lerntheorie. Inzwischen verwenden ja viele Trainer und Hundehalter den Begriff Strafe nicht mehr, sondern ersetzen ihn durch z.B. den Begriff Unterbrechung, weil Strafe gesellschaftlich negativ belegt ist. Doch gerade die Strafe (Unterbrechung) ist enorm wichtig u.a. für die Enwicklung und Stabilisierung des Stressverhaltens, welches wiederum einen Stabilisierungsfaktor im sozialen Miteinander darstellt. Sie lenkt gleichberechigt neben der Belohnung/ positiven Verstärkung die Erziehung in die gewünschte Richtung. Und sie vermag eines, was die positive Verstärkung nicht zu leisten vermag (zumindest nicht in der gleichen Zeit und mit dem gleichen niedrigen Energieaufwand), sie schafft Struktur und Ordnung in der sozialen Gemeinschaft.

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