Stolpersteine in Hundebegegnungen meistern

Kennst du unangenehme Hundebegegnungen bzw. Menschenbegegnungen? Überlegst du daher oft schon vor der Begegnung was und wie du es am besten sagen kannst, um ohne Stress vorbeizukommen? Hundebegegnungen sind eine gute Übung, um feinfühlig und klar deine Grenzen zu setzen. Wie du es schaffen kannst, deine Stolpersteine zu meistern und mutig deinen Weg zu gehen, erfährst du in diesem Artikel.

„Jedes Mal, wenn mir jemand mit Hund entgegen kommt, steigt mein Puls. Ich checke mein Gegenüber ab und mein Gehirn rattert. Ich überlege, was ich gleich sagen könnte, um eine Konfrontation zu vermeiden.“

Katja möchte, wenn sie mit Joana und Bobby – ihren beiden Hündinnen – unterwegs ist, keinen Kontakt mit fremden Hunden. Doch sie hat die Erfahrung gemacht, dass andere Hundehalter/innen ihre geäußerte Bitte nach Rücksichtnahme ignorieren, abtun oder sie belehren. Katja steht diesem Verhalten hilflos gegenüber: „Was soll ich denn dann machen, wenn meine Bitte nicht gehört wird?“

Katja ist von außen betrachtet eine ruhige Person. In ihr brodelt es unbemerkt. Sie spürt ihre Wut zwar, traut sich aber nicht, dieser einmal Luft zu machen. Denn in der Auseinandersetzung fühlt sie sich unter Druck: „Tief in mir drin, weiß ich, was ich will. Doch wenn die anderen so selbstsicher auftreten, dann knicke ich ein, zweifle, ob mein Weg der richtige ist. In solchen Momenten denke ich immer wieder, es liegt an mir. Ich sollte doch meine Hunde laufen lassen können.“

Obwohl Katja bei Facebook und in Hundeforen andere Menschen kennen gelernt hat, die ähnlich denken wie sie, meint sie auf ihren Gassi-Runden manchmal, sie sei allein mit ihrem Frust und ihrer Wut darüber, dass immer wieder Menschen ihre geäußerte Bitte nach Rücksichtnahme nicht hören, geschweige denn akzeptieren. Sie erzählt mir im Coaching von Initiativen, die Hundehalter mit Handzetteln über die „Regeln“ bei Hundebegegnungen informieren möchten.

Ist es also ein Thema, das in der Hundeszene besonders häufig auftritt? Nein, Grenzüberschreitungen sind allgegenwärtig. Nur fällt es uns mit Hund besonders auf, weil wir emotional stärker involviert sind. Es geht ja schließlich nicht nur um uns und darum für uns einzustehen, sondern auch noch um die Ebene Hund und was dein Hund von dir fordert.

„Meine Hunde orientieren sich an mir. Ich möchte sie beschützen und ihnen zeigen, dass ich die Situation im Griff habe. Wir haben schon so viel Mist erlebt. Es ist wichtig, dass ich ihnen und mir die Sicherheit geben kann. Doch auf der anderen Seite will ich auch keinen Stress mit den Leuten. Ich kann nicht hin stehen und die anschreien: Nehmen sie ihren Hund da weg.“

Hundebegegnungen sind Begegnungen auf 2 Ebenen:

Mensch und Hund

Katjas Hund fordert von ihr Schutz und Abgrenzung. Sie selbst ist eher konfliktscheu und zurückhaltend. Wie kann sie in Hundebegegnungen lernen, feinfühlig und klar Grenzen zu setzen?

1. Mach dir klar, was du willst.

Es geht nicht darum, Argumente zu sammeln und andere von deinem Handeln zu überzeugen. Sondern es geht darum, deine Motivation zu kennen und zu spüren. Schreib dir auf:

Was willst du mit deinem Handeln für dich und für deinen Hund erreichen? z. B. Ich möchte mich sicher fühlen; ich möchte für mich einstehen können; ich möchte meinen Hund beschützen; ich möchte meinen Raum einnehmen; Ich möchte meinen eigenen Weg gehen; …

Warum hast du dich für diesen Weg entschieden? z. B. weil ich Abstand brauche; weil ich meine Ruhe haben möchte; weil ich selbst entscheiden möchte; weil meine Hunde den (Trainings-)Abstand brauchen; …

Diese Fragen schriftlich zu beantworten, hilft dir, Klarheit zu gewinnen. Achte darauf, dass du aufschreibst, was du möchtest und nicht was du nicht möchtest.

2. Respektiere die Verschiedenheit

Es gibt Regelvorschläge für stressfreie Hundebegegnungen. Doch wenn du schon mal in Hundeforen unterwegs warst, dann weißt du, es gibt so viele verschiedene Regeln wie es Hundehalter/innen gibt. Für die eine reicht es, wenn der Hund im Nahbereich frei geführt wird, eine Andere besteht wiederum darauf, dass der andere Hund schon 50 m vor der Begegnung angeleint wird. Woher sollte also der oder die Andere wissen, was du in einer Hundebegegnung möchtest und wie es für dich angenehm ist? Wenn ihr euch so nah seid, dass sie dich hört, ist es sowieso zu spät.

Regeln ohne Konsequenzen sind sinnlos

Dazu kommt, dass es niemanden gibt, der die Konsequenzen durchsetzen könnte. Was passiert, wenn sich jemand nicht an die Regeln hält und den Hund nicht einfangen kann/will? Nichts. Also sind alle Regeln und Vorschriften praktisch nicht durchsetzbar.

Ehrlich: Ich bin auch sehr froh drum, dass wir nicht in allen Lebensbereichen kontrolliert werden. Stell dir mal vor, bei den Hundebegegnungen würde eine dritte Instanz für Ordnung sorgen. Eine gruselige Vorstellung, dass jemand Drittes entscheiden sollte, wer nun, wie viel Abstand zueinander haben darf. Wer bekäme dann Recht?

Wenn wir verstehen, dass unsere Gegenüber andere Bedürfnisse haben wie wir und wir eben diese Verschiedenheit respektierten, brauchen wir keine Aufpasser und können für uns selbst einstehen.

3. Übernimm die Führung: Geh deinen Weg!

Genauso wie du deine Gründe hast, so hat auch dein Gegenüber Gründe für sein Verhalten. Es kann viele Gründe geben, warum jemand den Kontakt zu anderen Hundebesitzern sucht:

  • er ist nicht gerne allein unterwegs
  • er findet es schön, Hunden beim Toben zuzusehen
  • er hat gute Erfahrungen mit anderen Hundehaltern gemacht
  • er ist kontaktfreudig
  • er hat den Wunsch sich auszutauschen
  • er schätzt die Risiken als gering ein
  • er vertraut den Hunden und dir, dass es eine gute Begegnung wird
  • er möchte erst mal abwarten, was du sagst
  • er möchte sich nach dir richten
  • er möchte seinem Hund was Gutes tun 😉
  • usw.

Diese Gründe haben alle eines gemeinsam: Sie haben nichts mit dir zu tun. Wir gehen meist davon aus, dass der andere so denkt und fühlt wie man selbst. Häufig wird dein Gegenüber in der Kürze der Zeit – Hundebegegnungen lassen uns in der Regel nicht ausreichend Zeit uns richtig kennen zu lernen – deine Perspektive nicht erfassen können, weil er ganz bei sich ist und bei seinen eigenen Bedürfnissen bzw. denen seines Hundes 😉 und davon ausgeht, dass du ja ähnlich gestrickt bist.

Wenn Menschen davon ausgehen, der andere denkt wie ich, dann führt das fast unweigerlich zu Konflikten. Da hilft nur eines: Bleib bei dir! Du hast deine berechtigten Gründe, warum du lieber auf Distanz bleiben möchtest. Du brauchst sein Warum nicht zu kennen, um seine Gründe zu akzeptieren; aber du brauchst dich auch nicht nach ihnen zu richten, genauso wenig wie er sich nach dir richten muss.

Es hilft, davon auszugehen, dass dein Gegenüber an einem guten Miteinander interessiert ist und sein Bestes dafür tut. Er wird sich nach dir richten, wenn du dir klar darüber bist, was du willst. Also übernimm die Führung in diesem Wackelbild. Such dir deinen Weg und geh ihn.

4. Mach es deutlich!

Bist du wie Katja, die schon in 500 m Entfernung grübelt, was sie sagen könnte, damit die andere sie versteht und sie ihrer Wege gehen lässt? Suchst du nach den richtigen Worten, Sätzen, nach der Zauberformel? Ich muss dich leider enttäuschen: Es gibt sie nicht. Nicht in diesem Moment, in der Kürze der Zeit. Es ist definitiv unmöglich in den wenigen Sekunden, die dir bleiben, bevor du „überrannt“ wirst zu erklären und um Verständnis für deine Grenze zu bitten.

Es gibt keine Zauberformel:

Es ist egal, was und wie du es sagst!

Niemand braucht deine Gründe zu kennen, um deine Grenzen zu akzeptieren. Wenn es dein Ziel ist, unbehelligt an der anderen Person vorbeizukommen, dann signalisiere das deutlich. Viel wichtiger als das, was du sagst, ist, welche körpersprachlichen Signale du sendest. Du brauchst beides: deine innere und deine äußere Klarheit. Du kannst nicht innerlich Distanz wollen und deine Körpersprache sagt, ich bin offen und will Kontakt. Das führt zwangsläufig zu Missverständnissen.

Wenn du Distanz schaffen möchtest, dann gehe auf Distanz, schaffe Raum zwischen dich und den anderen und wenn das nicht geht, dann vermeide Blickkontakt, wende deinen Kopf ab, wende dich mit deinem ganzen Körper ab. Du kannst deinem Gegenüber wortwörtlich den Rücken zukehren.

Empathie als Stolperstein

Wenn du so wie Katja gestrickt bist, dann stellt sich dir deine Empathie an dieser Stelle innerlich in den Weg. Das fühlt sich im ersten Moment wie ein heftiger Widerstand an. Katja kann sich sehr gut in andere einfühlen und versteht die anderen oft besser als sich selbst. Das ist eine wunderbare Fähigkeit und in ganz vielen Bereichen – vor allem auch in Katjas Beruf als Säuglingskrankenschwester – unglaublich wichtig. Doch wenn sie feinfühlig und klar Grenzen setzen möchte, dann stolpert sie darüber.

Empathie ist der Stolperstein, der es dir schwer macht, klar bei dir zu bleiben. Sie ist die innere Stimme, die dich warnt, der andere könnte sich durch dein Verhalten gekränkt, traurig, enttäuscht usw. fühlen. Schon wirst du weich und weichst von deinem Weg ab. Wie kannst du diesen Stolperstein aus dem Weg räumen und mutig und klar deinen Weg gehen?

Du kannst die inneren Stimmen, die sich in deinem Kopf im Widerstreit befinden, zu einer Teambesprechung einladen. Klingt verrückt? Probier’s mal aus, das ist ziemlich effektiv. Stell dir vor, du bist die Chefin deines inneren Teams und bestimmst, wer für die aktuelle Situation in dein Projektteam kommen soll:

Als feinfühlige Chefin schmeißt Katja die Empathie nicht einfach raus. Es ist auch gar nicht notwendig ihr zu kündigen. Sie darf ihr ihre Wertschätzung zeigen und sie gleichzeitig um etwas Zurückhaltung bitten.

„Schön, dass du da bist, du bist ein wichtiger Teil von mir und in vielen Bereichen meines Lebens eine gute Beraterin. Nun bitte ich dich, einen Schritt zurück zu treten, um meine Grenzen zu setzen, brauche ich dich nicht.“

Sattdessen holt sie sich ihre innere Klarheit und den Mut, die sich bisher eher im Hintergrund gehalten haben, an ihre Seite. Die innere Klarheit hat sie sich vorhin bereits notiert. Sie kennt ihre Motivation und ihr Warum.

Katja gefiel an dieser Methode, dass sie das, was sie ausmacht, ihre Empathiefähigkeit und ihr Gespür für das Gegenüber nicht abwerten oder verdrängen muss.

„Ich bin so erleichtert. Denn Empathie gehört zu mir als Person. Diese Fähigkeit macht mich aus. Dass es gleichzeitig möglich ist, selbst zu entscheiden, wann ich meine Empathie einsetzen möchte und wann ich für mich Grenzen setzen will, das ist stark. Nun bin ich meine eigene Chefin!“

5. Bleib feinfühlig und hör auf deinen Instinkt

Grenzen setzen und für sich klare Ziele zu verfolgen, das ist wichtig. Doch es hilft niemandem, wenn du mit dem Kopf durch die Wand gehst und versuchst, dich mit aller Gewalt durchzusetzen. Geh nach deinem Bauchgefühl und wenn du Lust hast, auf jemanden zuzugehen und ein Hundeplausch zu halten, z. B. weil dir dein Gegenüber so nett Platz gemacht hat 😉 , dann tue das.

Feinfühlig und klar Grenzen setzen heißt: Du kannst im Augenblick entscheiden, was und wie du es tust.

Hier gehen uns unsere Vierbeiner mit gutem Beispiel voran. Denn dein Hund macht keine Pläne und überlegt auch nicht vorher, was er dem Kumpel sagen wird, der ihm übers Feld entgegengaloppiert, sondern er hört auf seinen Instinkt. Nimm dir ein Beispiel an deinem Hund und probiere es aus, auf deine Art feinfühlig und klar Grenzen zu setzen.

Hundebegegnungen sind eine gute Übung, um feinfühlig und klar Grenzen zu setzen. Es ist wie im richtigen Leben, bei der Arbeit mit den Kollegen oder in der Familie. Es lohnt sich dran zu bleiben, immer wieder achtsam hinzuspüren, wo deine Stolpersteine liegen und sich auf die Suche nach einem Weg zu machen, der jetzt im Moment zu dir und deinem Gefühl passt. Dein Hund hilft dir, dir selbst auf die Spur zu kommen und mutig und klar deinen Weg zu gehen.

 

Wenn du jetzt Lust bekommen hast, deine persönlichen Stolpersteine herauszufinden und aus dem Weg zu räumen, dann komm zum Workshop „Feinfühlig & klar Grenzen setzen“ im Juni. Wir arbeiten in einer kleinen Gruppe an deinen Themen und du kannst dich in einem geschützten Rahmen ausprobieren.

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Kennst du deine Stolpersteine in Hundebegegnungen?

Was macht es dir schwer, deine Grenzen zu setzen?

Bis bald, und immer dran denken: Geh mutig und klar deinen Weg!

 

 

 

Anna Meißner ist Strukturgeberin für Persönlichkeit & Entwicklung. Sie hilft Menschen, sich selbst auf die Spur zu kommen, um mutig und klar ihren Weg zu gehen.