Hundebegegnungen an der Leine sind für viele Hunde schwierig. Daher wird im Hundetraining mit verschiedenen Übungen versucht, den Hund zu unterstützen. Nicht selten bleiben die Probleme trotz guter Ansätze im Alltag bestehen oder es dauert sehr lange bis sich positive Veränderungen zeigen. Das kann daran liegen, dass wir als Hundehalter auch einen Anteil an der Leinenaggression des Hundes haben.

Der Anteil des Hundehalters an der Leinenaggression

Gerade in Situationen, die für den Hund schwer sind, braucht er eine klare Führung. Es ist also nicht verwunderlich, dass Hunde reagieren, wenn ihre Halter unklar werden. Unklar sind wir Menschen häufiger als wir denken. Vor allem dann, wenn wir anderen nett und höflich begegnen wollen und wir einem bestimmten Verhalten entsprechen möchten. Diese Denk- und Verhaltensmuster können uns, wie das folgende Beispiel zeigt, ganz schön aus dem Konzept bringen und das oft ohne, dass es uns bewusst ist.

Unbewusste Denk- und Verhaltensmuster bringen uns aus dem Konzept

Auf dem Rückweg vom Spaziergang kamen wir durch eine dichtbebaute Wohngegend. Mein Hund lief an der Leine. Vor einem Haus stand ein Handwerkerauto. Das Dach wurde neu gedeckt. Als wir an der Einfahrt vorbeiliefen, sah ich aus dem Augenwinkel einen jungen Mann mit einem freilaufenden Hund. Ich beschleunigte meine Schritte mit dem Plan, meinen Hund zügig an den beiden vorbeizuführen.

Mein Plan: zügig an den beiden vorbei

Als ich schon dachte, wir seien vorbei, bemerkte ich, dass wir verfolgt wurden. Der Hund des Zimmermanns kam uns nach. Mein Hund lief schneller, mit angelegten Ohren und Stressgesicht vorneweg. Er war ganz ruhig, aber sein Körper angespannt.

Doch ich bleibe stehen

Ich hörte den Zimmermann nach seinem Hund rufen. Sein Hund reagierte, blieb stehen und wandte sich an Herrchen. Der Typ rief mir nach, ob ich einen Zimmermann bräuchte. „Wie meint er das?“, dachte ich, blieb stehen und wollte höflich antworten. Doch mein Hund hatte dazu auch etwas zu sagen, denn in diesem Moment fing er wie wild an zu bellen und hörte gar nicht mehr auf.

Warum hörte mein Hund nicht auf zu bellen?

Ich rief dem anderen Hundehalter über den Lärm hinweg zu: „Moment. Ich will, dass mein Hund sich in der Situation beruhigt.“ Nach ein paar Versuchen auf Cosmo einzuwirken, wurde er auf einen Schlag still. „Endlich!“, dachte ich, drehte mich um, wollte antworten und bemerkte überrascht, Mann und Hund waren gegangen.

Stell dir die Situation aus der Perspektive deines Hundes vor

Um eigene unbewusste Anteile an der Situation besser zu erkennen, bieten sich Achtsamkeitsübungen an. Wenn du schon etwas Erfahrung damit hast, lässt du die Situation noch einmal gedanklich Revue passieren. Dabei beobachtest du dein Verhalten, deine Gedanken und Gefühle vor, während und nach der Hundebegegnung möglichst wertfrei – ohne deine Intepretationen. Wenn es dir leichter fällt, kannst du dir die Situation aus den Augen deines Hundes vorstellen. Denn auch Hunde werten nicht.

Mit achtsamer Selbstwahrnehmung zur Lösung

In der Beispielsituation habe ich durch achtsame Selbstwahrnehmung anschließend bemerkt, dass ich stehen blieb, weil ich dachte, ich wäre dem anderen Hundehalter aus Höflichkeit eine Antwort schuldig. Dabei war es mein ursprünglicher Plan gewesen, grußlos und zügig an den beiden vorbeizugehen. Nun verstehe ich auch, dass ich meinen Hund nicht beruhigen konnte. Ich hatte ihm vermittelt, wir gehen vorbei und blieb dann doch stehen.

Achte auf dich genauso, wie du auf deinen Hund achtest

Wenn du den Konflikt erkannt hast und nun nach einer Lösung suchst, kannst du dich fragen: „Was braucht mein Hund, um die Situation gut zu meistern? Wie kann ich ihm das geben?“ Bestimmt wirst du feststellen, dass du eigentlich weißt, was dein Hund braucht und wie du ihm das geben bzw. auf deine Weise vermitteln kannst. Mein Hund braucht seinen Raum. An der Leine angebunden kann er sich diesen Raum nicht selbst nehmen und ich bin dafür da, ihm Sicherheit zu geben. Ich hätte auf sanfte Weise der Leinenaggression entgegenwirken können, indem ich an meinem ursprünglichen Plan – ich gebe auf meinen Hund Acht – festgehalten hätte.

Mehr Klarheit durch Achtsamkeit mit Hund

Die Geschichte zur Leinenaggression ist nur ein Beispiel dafür, wie Hundehalter an der Leinenaggression ihre Hundes und anderen „Hundeproblemen“ ebenfalls einen Anteil haben. Mit Achtsamkeitspraxis lernst du dich selbst und deinen Hund bewusst wahrzunehmen und deiner Wahrnehmung immer besser zu vertrauen. Mit ein wenig Übung fällt dir schon bald auf, wann du unklar bist und du kannst die Verbindung zu deinem Hund schnell wieder aufnehmen.