Zum ersten Mal erfuhr ich von der Möglichkeit einer „Alpenüberquerung mit Hund“ aus der Zeitung. Meine Schwiegermutter hatte den Artikel gelesen. Da stand, dass dieses Erlebnis Mensch und Hund im besonderen Maße zusammenbringen kann. Sie dachte, dass die Alpenüberquerung mir und Cosmo helfen könnte. Denn aus heutiger Sicht war ich zu der Zeit am Tiefpunkt angelangt. Doch eine Alpenüberquerung war aus dieser Perspektive das Allerletzte, was ich mir mit meinem Hund zugetraut hätte. Also geriet diese Möglichkeit in Vergessenheit.

Fast hätte ich meinen Traum von der Alpenüberquerung mit Hund vergessen

Es vergingen etwa eineinhalb Jahre. Mein Mann und ich zogen aus Freiburg raus und aufs Land. Hier traf ich zufällig eine Hundefreundin wieder, die ich in meinem ersten Hundejahr in der Hundeschule kennengerlernt und aus den Augen verloren hatte. Bei einem gemeinsamen Spaziergang kamen wir darauf, wie schön es wäre, eine Alpenüberquerung mit Hund zu machen. Beim nächsten Treffen hatte sie sich schon informiert und zu einem Kurs angemeldet, um die beiden Bergführer, die gleichzeitig Hundetrainer waren, kennen zu lernen. Ich durfte mich ihr einfach anschließen.

Also sind wir 2012 zum ersten Mal nach Österreich aufgebrochen. Nach dem Kurs stand fest: Wir melden uns für die Alpenüberquerung von Au in Österreich nach Guarda in der Schweiz im September 2013 an. Ich hatte noch nie so viel Geld für mich allein ausgegeben und noch nie ein Jahr im Voraus so etwas Großes geplant. Aber die Entscheidung habe ich voller Freude getroffen: Ich wollte mit Cosmo diese Alpenüberquerung machen. Jedes Mal, wenn ich daran dachte, hatte ich ein warmes Gefühl im Bauch. Diese Vorfreude trug mich über die ganzen zwölf Monate. Ich stellte mir immer wieder vor, wie ich mit Cosmo auf einem Berggipfel stehe und wir die Welt von oben betrachten können.

Kurz bevor es losgehen sollte, war die Angst am größten.

So nervös war ich nicht mal an der Hochzeit. Meine Nerven waren gespannt wie Drahtseile. Ich wollte diese Reise unbedingt machen. Es wäre mein schlimmster Alptraum gewesen, wenn ich aus irgendeinem Grund nicht hätte fahren können. So saß ich die Woche davor auf meinem 7 Kilo schweren Rucksack und wartete ungeduldig auf den Tag, an dem es losgehen sollte. An einem Samstagmorgen fuhren wir zum zweiten Mal nach Österreich, dieses Mal um unseren gemeinsamen Traum Wirklichkeit werden zu lassen.
Nach der Zusammenführung der Gruppe und einer Nacht im Hotel wachte ich am Sonntagmorgen davon auf, dass der Regen auf das Vordach trommelte. Im strömenden Regen brachte uns ein Bus zum Startpunkt. Die ersten Kilometer sahen wir keine Berge, nur den Weg vor uns. Es war mir egal. Ich war so froh: „Endlich sind wir unterwegs.“

Die Gruppe bestand aus dreizehn sehr unterschiedlichen Menschen und zehn ebenso verschiedenen Hunden. Besonders am zweiten Tag gab es immer wieder Momente, in denen ich mich unsicher und allein fühlte. Findest du Cosmo auf dem Gruppenbild? Genau das war mein Eindruck von meinem Platz im Rudel.
Ich wusste nicht, wann ich Cosmo ableinen sollte und wann nicht. Wenn ich mich an jemanden wandte, erhielt ich widersprüchliche Antworten. Das Wetter war schlecht und mir war kalt. So stapfte ich an diesem Tag grummelnd vor mich hin bis ich mir bewusst machen konnte, wo ich mich befand: Ich war auf meiner Alpenüberquerung. Als ich das begriffen hatte, brauchte ich nicht mehr zu schmollen.

Die Sonne strahlte am dritten Tag bereits frühmorgens aus voller Kraft. Ich merkte, wie ich nun auch gedanklich in den Bergen angekommen war. Cosmo lief mal mit und mal ohne Leine. Ich musste niemanden mehr fragen, sondern entschied es selbst. Meine Anspannung löste sich. Ich konnte die Freiheit immer mehr genießen.
Am besten gefiel es Cosmo, wenn es bergauf ging. Dann lief er voraus, blieb auf einem Felsvorsprung stehen und schaute nach uns, ob wir auch kommen. Dabei erinnerte er mich jedes Mal an Simba im Disney-Film König der Löwen. Ich musste an diesem Tag sehr oft über meinen Hund lachen. Er zeigte sich von seiner besten Seite. Entgegenkommende Wanderer waren für ihn kein Stress. Er hatte genügend Platz, um auszuweichen.

Das Wandern empfand ich nicht als sonderlich anstrengend. Es ging schon mal steil hinauf und auch wieder hinunter. Wir mussten durchaus richtig schwitzen. Doch da war kein Zeitdruck. Unsere Bergführer gaben ein komfortables Tempo vor und hatten immer längere Pausen geplant. Wir lagerten manchmal zwei Stunden an einer schönen Stelle, einer Wiese mit Panoramablick oder einem Bergsee. Ich lernte für mich daraus, dass man auf diese Weise in Ruhe genießen und die Eindrücke tief in sich aufnehmen kann.

Die ersten beiden Nächte hatten wir in der „Stuttgarter Hütte“ und in der „Göppinger Hütte“ verbracht. In der dritten übernachteten wir im Hotel „Piz Buin“ am Kops Stausee.  Zum Hotel gab es einen Gepäcktransfer und wir konnten unsere Rucksäcke z. B. mit Hundefutter und frischer Wäsche auffüllen. Es war schon eine sehr komfortable Alpenüberquerung. Abends diskutierten wir bei einem schönen Essen noch lange mit den Bergführern über Hundeerziehung und ich habe zum ersten und letzten Mal einen Enzian-Schnaps getrunken.

Auf der nächsten Etappe passierte etwas Wundervolles. Im Jahr zuvor sah ich Cosmo und mich immer wieder auf einem Gipfel stehen und ins Tal blicken. Am vierten Tag der Alpenüberquerung kamen wir an diesen Punkt. Es war ein namenloser Berg. Am Kreuz stand nur eine Zahl. Das war aber gar nicht wichtig. Hier war ich schon so oft in meinen Träumen gewesen. Es war wie ein Déjà-Vue und es erinnerte mich an das Gefühl, dass mich hierhin gebracht hatte. Das war ein unglaublich schöner Moment für mich und ich war sehr glücklich. Ich hatte die Hoffnung nicht aufgegeben und mich mit meinem Chaoshund auf den Weg gemacht. Aber vielleicht war es auch anders herum und es hat genau diesen Hund gebraucht, der mich an diesen Ort geführt hat.

Am vorletzten Abend bezogen wir unser Quartier in der „Wiesbadener Hütte“. Zum Glück hatten wir am Nachmittag noch Kaiserschmarren geschlemmt. Denn das Abendessen bestand aus Tüten-Knoblauchsuppe, Tiefkühlgemüse, Fertigbraten und Dosenfrüchten zum Nachtisch. Das tat der Stimmung jedoch keinen Abbruch und weil wir sowieso müde waren, gingen wir früh schlafen.
Wir hatten einen eigenen Schlafraum für die Gruppe, da Hunde in den Schlafräumen normalerweise verboten sind. Man liegt in Stockbetten und mit seinem Nachbarn dicht an dicht. Am Boden ist kaum Platz für die Rucksäcke geschweige denn für Hunde. Doch für uns ging es. Wir kannten ja die Hunde und sie waren es mittlerweile fast alle auch gewohnt, dass sie nicht direkt bei uns schliefen.  Mitten in der Nacht weckte mich meine Bettnachbarin und meinte schlaftrunken, der Hund meiner Freundin wäre zu ihr ins Bett gekommen. Als ich mich um das Problem kümmern wollte, stellte ich fest, es war ihr eigener.

Der letzte Wandertag brach an. Am Vormittag überquerten wir einen Gletscher und schließlich auch die Grenze in die Schweiz. Die Hunde fanden den Schnee toll. Auf der anderen Seite des Passes mussten wir sie allerdings bremsen, da es über ein steiles Geröllfeld nach unten ging. Doch alsbald kamen wir auf einen breiten Weg, der uns ganz bequem ins Tal und zum Endpunkt unserer Tour nach Guarda führte.
Auf diesem breiten Weg lernte ich einiges über Timing. Denn hier gab es viele Murmeltiere. Jedes Mal wenn ihr Pfiff ertönte, rief ich meinen Hund zurück und das klappte meistens. Das Ende der Alpenüberquerung habe ich als ein lockeres Auslaufen in Erinnerung. In Guarda wurden wir von einem Taxi abgeholt und feierten abends in einem Hotel in der Nähe noch unsere Ankunft. Es war alles gut gegangen.

Die Alpenüberquerung mit Hund liegt schon fünf Jahre zurück und ich erinnere mich immer noch gerne daran. Sie hat mich und meinen Hund Cosmo zusammengeschweißt. Dabei ging es nicht nur um die sechs Tage in den Bergen. Meine persönliche Alpenüberquerung mit meinem Hund begann schon viel früher. Nämlich in dem Moment, in dem ich zum ersten Mal von der Möglichkeit hörte. Die Entscheidung für diese Reise war auch eine Entscheidung für mich und für meinen Weg mit genau diesem Hund. Damit ist ein kleines Steinchen ins Rollen gekommen, das schließlich eine Lawine an Ereignissen in Gang gesetzt hat, von denen ich damals noch nicht zu träumen gewagt hätte.

Leider gibt es den Veranstalter „Lexlupo“ nicht mehr

Die beiden Bergführer Erwin Kohler und Christoph Rüscher von Lexlupo haben sich in der Zwischenzeit entschieden, keine Alpenüberquerungen mehr anzubieten. Das finde ich persönlich sehr schade. Denn es ging den beiden immer um mehr als nur die Wanderungen. Die erfahrenen Lawinenhundeführer haben mir auch die Liebe zu den Bergen und ein ganzheitliches Verständnis für die Mensch-Hund-Beziehung nahe gebracht.

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