Es war ein wunderschöner Spätsommertag. Ich war mit meinem Hund Cosmo auf einer unserer Lieblingsstrecken unterwegs. Er ließ sich die Sonne auf den Pelz scheinen und ich genoss den schönen Blick auf den Schwarzwald. Plötzlich sehe ich, dass uns ein Paar entgegenkommt, kein Menschenpaar, sondern ein Paar aus einem Zwei- und einem Vierbeiner. In aller Ruhe sammelte ich Cosmo ein und nahm ihn an die Leine. Wir gingen weiter bis wir erkennen konnten, wer uns da gleich passieren wird. Bald schon sah ich, es war dieselbe Hundehalterin, der wir zuletzt ausgewichen und aus sicherer Distanz begegnet sind. Die Vorgeschichte erfährst du hier.

Hundebegegnung die Zweite

Nach unserer letzten Begegnung und der positiven Reaktion meines Hundes war ich neugierig. Ich wollte dieses Mal näher an den beiden vorbei. Vielleicht, dachte ich, erfahre ich so, was die Frau beim letzten Mal mit ihrer Frage: „Kann er nicht von der Leine?“ gemeint haben könnte. Also blieben wir am Wegrand stehen. Ein kleiner Sicherheitsabstand sollte schon sein. Daher warteten wir auf der anderen Seite des kleinen Grabens, der den Weg flankiert. Als die beiden auf unserer Höhe angelangt waren, hatte ich ein Déjà-Vu. Ich hörte, wie die Hundehalterin mir noch einmal genau dieselbe Frage stellte: „Kann er nicht von der Leine?“ Witzig, dachte ich gespannt, was gleich noch kommen würde.

„Dürfen die beiden Hunde miteinander spielen?“

Dieses Mal fügte sie hinzu: „Dürfen die beiden miteinander spielen?“ Damit hätten wir nun auch geklärt, worum es ihr ging. Sie war daran interessiert, die beiden Hunde ohne Leine zusammen zu bringen in der Erwartung, dass sie sich miteinander vergnügen. Ihr Hund wartete brav neben ihr. Aus der Nähe wirkte er noch viel größer, als ich ihn eingeschätzt hatte. Er wirkte auf mich nicht gefährlich. Alles an ihm war weich und entspannt. Mein Blick wanderte über seine O-Läufe (das Pendant zu O-Beinen beim Menschen), zu seinen Schlappohren, den schweren Augenlidern, dem ausgeprägten Hohlkreuz bis zur locker hängenden Rute. Mit diesem gechillten Typ könnte es durchaus einen Spiel-Versuch wert sein. Ich entschied mich, das Experiment zu wagen und antwortete: „Ob sie spielen, weiß ich nicht. Wir können es ja mal versuchen.“

Es könnte einen Versuch wert sein

Ich machte Cosmo von der Leine los. Er sah mich fragend an, als wollte er sagen: „Ist das dein Ernst!?“ Schon sprang der andere Hund über den Graben zu uns auf die Wiese. Seine Bewegungen waren tapsig wie bei einem Welpen. Die Halterin erklärte mir, er sei ein friedlicher Kerl und äußerst gutmütig. Genau so sah er aus, fand ich. Mein Hund war da ganz anderer Meinung. Er fror förmlich ein, als er den so beschriebenen auf sich zukommen sah. Seine Körpersprache drückte genau das Gegenteil aus. Bis in die Fellspitzen war alles an ihm spitz, seine Muskeln gespannt wie ein Drahtseil. Das waren deutliche Zeichen für den anderen und sollte nichts anderes heißen als: Mit dem will ich nicht spielen!

Entspanntes Hunde-Spiel sieht irgendwie anders aus

Der Riese kam erst noch einen vorsichtigen Schritt auf Cosmo zu und fragte mit seinem Blick höflich nach, ob er es sich nicht doch noch anders überlegen wollte. Da löste Cosmo für einen kurzen Moment die Spannung, aber nur um für die nächste Ansage Luft zu holen. Er bellte den anderen an. Das Bellen klang mehr wie ein Knall. Ich zuckte erschrocken zusammen. Der andere hatte sofort verstanden, dass sein Gegenüber keinen Bock auf ihn hatte und wandte sich ab. Es sah fast so aus, als sei er ein bisschen enttäuscht. Jedenfalls fing er an, zu beschwichtigen und wich Cosmo in einem weiten Bogen aus. Sein Frauchen und ich gingen noch ein Stück zusammen. Die Hunde liefen in ihrem vorher definierten Sicherheitsabstand nebenher. Meine Idee war es, dass wir ein Stück gehen, mein Hund sich entspannen und die beiden Hunde sich vielleicht doch noch annähern. Das habe ich schon oft erlebt und erzählte ihr davon. Doch sie hatte das Interesse am Kontakt mit uns schon verloren. Nach wenigen gemeinsamen Schritten trennten sich unsere Wege.

Manchmal soll es eben nicht sein

Schade, dachte ich, und irgendwie auch nicht. Wir haben nicht zusammengepasst, die Hunde nicht und die Menschen auch nicht. Besser so. Während ich noch meinen Gedanken nachging, schnappte sich Cosmo – immer noch off the leash –einen Maiskolben und schredderte ihn. Er riss die Blätter ab und zerlegte das Teil in kürzester Zeit. Danach lief er wie auf Speed über die Wiese. Er nutze die gesamte Fläche, schoss wie ein Pfeil auf und ab und dann mit Karacho ins Maisfeld hinein. Ich rief ihn, doch er kam nicht. Früher hätte ich vielleicht vermutet, dass er einen Hasenduft in der Nase hat und auf einer Spur ist. Dann hätte ich mich geärgert, wäre laut geworden, um meiner Ansage noch mehr Nachdruck zu verleihen. Heute lass ich das. Ich weiß, dass es in diesem Moment nichts bringt.

Mein lieber Hund, ich sehe dich

Ich vermutete, dass diese Aktion aus der Anspannung heraus kam, die mit der vorangegangenen Begegnung für ihn verbunden war. Als mir das bewusst wurde, fand ich die passende Energie. Ich nahm allen Druck aus dem Rückruf raus. Mit sanfter Stimme und lieben Worten rief ich ihn. Das brachte die Veränderung. Er kam ohne Umwege zu mir und ließ sich ein bisschen trösten. Als ich in der Hocke sitzend meinen Hund kraulte und ihm sagte, dass er alles richtig gemacht hat, dass er nicht mit jedem spielen muss, dass er der beste Hund ist und ganz toll seine Grenzen gezeigt hat, wurde ich auch ein bisschen traurig. Denn ich bin mal wieder von mir ausgegangen und habe meinem Hund diese Situation zugemutet. Sie hat ihn offensichtlich ganz schön in die Bredouille gebracht. „Mein lieber Hund, es tut mir leid,“ seufzte ich.

Ich bin ich und du bist du

In solchen Momenten muss ich auf der Hut sein. Mit der Traurigkeit kommen allzu schnell Schuldgefühle auf. Dann bedauere ich, dass ich in der Vergangenheit nicht so auf meinen Hund eingehen konnte, wie ich es heute kann. Doch ich möchte diese Gedanken hinter mir lassen. Ich darf mich für die Situation entschuldigen, in der ich ihn nicht gleich verstanden habe. Aber ich muss mich nicht für alles entschuldigen, was ich falsch gemacht habe. Das habe ich viel zu lange geglaubt. Heute weiß ich, dass ich genau aus diesen vermeintlichen Fehlern das meiste mitnehmen konnte. Ich bin dankbar über die Verbindung mit Cosmo und das tiefere Verständnis dafür, wer er wirklich ist.

Die Welt aus Hundeaugen sehen

Seine Gefühle und Bedürfnisse unterscheiden sich von meinen. Zu 100% hätte er in der Situation anders entschieden. Er sieht die Welt aus seinen Hundeaugen oder vielmehr aus seinen „Cosmo-Augen“. Manchmal dürfen wir deshalb auch anderer Meinung sein. Das ist kein Spiegeln, das ist ein ganz normaler Mensch-Hund-Konflikt. Um diesen zu lösen, habe ich mit der Zeit gelernt, die Welt aus seinen Hundeaugen zu sehen und anzuerkennen: Ich bin ich und du bist du. Ich bin ein Mensch und er ein Hund. Manchmal bin ich mutig und er ist es nicht, manchmal hat er gute Laune und ich nicht. Mein Hund kann manchmal mein Spiegel sein. Ganz oft ist er einfach nur er selbst.