Vor Jahren lief ich mit meinem Hund an einem Gartenzaun vorbei, hinter dem ein anderer Hund saß. Cosmo erschrak tierisch und regte sich sehr darüber auf. Ich zog ihn weiter, während er wie wild kläffte und seine Zähne zeigte. Da kam die Halterin des anderen Hundes aus dem Haus. Sie hatte mich schon öfter gesehen und wir kannten uns ein wenig. Daher sprach sie mich an und sagte: „Da hast du aber einen Giftzwerg an der Leine!“

Worte können Fenster sein oder Mauern. – Marshall Rosenberg

Dieser Satz saß. Die Worte haben sich tief in mir eingeprägt. Ich sah sie als verbalen Angriff gegen meinen Hund, dem ich nichts entgegen setzen konnte. Mein Hund zeigte eben in diesem Moment seine giftige Seite. Da gab es nichts zu beschönigen. Gleichzeitig wollte ich so gerne, dass die Bekannte meinen Hund auch mal sieht, wie er normalerweise ist. Ich sagte nichts, ging aber innerlich sofort in die Defensive.

Verbale Angriffe prägen sich ein.

Bis vor kurzem hatte ich diesen Angriff völlig vergessen. Doch dann, als ich mich mit meinem Hund zum nachmittäglichen Gassi aufmachte, passierte es wieder. Mein Vermieter hatte vor dem Haus geparkt und ich musste mit Cosmo dicht an seinem Auto vorbei, um zu meinem zu kommen. Ich sah, wie er schon mit dem Autotelefon telefonierte. Das nutzten wir aus und ich führte Cosmo an seinem parkende Auto vorbei. Geschafft! Doch am Straßenrand und bei meinem Auto angekommen, erweckte etwas anderes meine Aufmerksamkeit.

Dieser Satz hat mich verletzt.

Eine Frau war zu meinem Nachbarn auf das Grundstück gelaufen. ich kannte sie nicht. Ein Haus weiter schlug der Schäferhund Alarm. Das machte mich stutzig. Cosmo dachte das im Übrigen auch und gab dem Schäferhund recht. Ich öffnete den Kofferraum und sah nur aus dem Augenwinkel, wie die Unkannte aus dem Garten des Nachbarn heraus und in unsere Richtung kam. Da verfrachtete ich Cosmo, der sich lauthals beschwerte, kurzerhand in die Box und setze mich ans Steuer.  Die Frau kam tatsächlich zu mir und bedeutete mir, dass ich das Autofenster öffnen solle. Ihr erster Satz war: „Da haben Sie ja einen Giftzwerg an der Leine!“

Mein Hund ist kein Giftzwerg – oder doch?

Ich antwortete: „Na, das ist ja mal eine nette Begrüßung!“ Mein Blutdruck war bestimmt schon im Grenzbereich und ich merkte, wie mir die Röte ins Gesicht schoss. Ich konnte es einfach nicht fassen, was sich diese Frau herausnahm. Sie kannte uns doch gar nicht. Das sagte ich ihr auch. Ihre Erklärung war: „Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten, ich bin halt ein direkter Mensch. Übrigens sind wir vom Zirkus und ich sammle Spenden für die Tiere. Möchten Sie spenden?“

Wie ich ein Fenster in der Mauer finde.

Nach kurzer Überlegung entschied ich mich spontan, nichts zu spenden. Mir war nicht danach. Also verabschiedeten wir uns. Sie war ein bisschen nachdenklich geworden. Ich schüttelte während der Fahrt noch eine Weile verständnislos mit dem Kopf und fragte mich: „Ist mein Hund ein Giftzwerg?“ Wollte schon in die Verteidungshaltung gehen. Da fiel mir ein, die Frau war nicht alleine gewesen. Sie hatte einen kleinen Pinscher dabei. Vermutlich sah sie das verbindende Thema in den Hunden und wollte darüber mit mir in Kontakt kommen. Ich musste lachen und stellte mir vor, wie sie ihren eigenen Hund manchmal liebevoll „Giftzwerg“ nennt.

Das verbindende Thema ist die Liebe zum Hund.

Seither nenne ich meinen Hund auch manchmal liebevoll einen Giftzwerg. Wenn ich der Frau jemals wieder begegne, kann ich ihr auch etwas Geld geben. Denn das, was für mich wie eine Mauer zwischen uns stand, war eigentlich ein Fenster. Möglicherweise war ihre Aussage sogar verständnisvoll und empathisch gemeint: „Mit Giftzwergen ist es nicht leicht.“ oder „Ich seh, sie haben da auch so einen besonderes Exemplar.“ Diese Sichtweise öffnet mein Herz und lässt mich verbalen Angriffen selbstbewusst begegnen. So leicht kann mich niemand mehr verletzen.

 

Was durftest du dir schon über deinen Hund anhören? Gibt es möglicherweise auch noch eine andere Sichtweise auf den verbalen Angriff?