Augen zu und durch – Musst du dich schwierigen Situationen stellen?

Sandra hat Feierabend, der Tag ist vorbei, alles erledigt. Doch auf dem Sofa entspannen ist nicht drin. Sie kann noch nicht locker lassen. Es steht noch ein schwieriger Gang an: die letzte Gassirunde mit Toni. Im Dunkeln überblickt sie den Eingangsbereich nicht und es ist schon oft vorgekommen, dass Nachbarn sie erschreckt haben, wenn sie aus der Tür kamen. Toni hat sich das gemerkt und macht nun jedes Mal eine „Kampfhundszene“ draus. Sandra wird es jetzt schon schlecht. Hoffentlich trifft sie heute niemanden..

Spürst du auch bereits beim Gedanken an die schwierige Situationen die unangenehmen Gefühle, die damit verbunden sind? Kannst du deine Horrorfilme im Kopf auf Knopfdruck ablaufen lassen? Ganz schön krass, wie tief sie sich eingebrannt haben. So tief, dass du während du nur fiktiv Situationen durchspielst, die du mit Hilflosigkeit, Schreck oder Ärger verbindest, fast genauso heftig emotional betroffen bist wie in der realen Situation. Und wenn du andere fragst, was du tun sollst, dann kommt garantiert der Tipp: Stell dich der Situation! Da musst du einfach durch! Was dich nicht umbringt, macht dich härter! Augen zu und durch!

Musst du dich tatsächlich schwierigen Situationen auf Teufel komm raus stellen?

Bestimmt ist es gut, schwierige Situationen zu suchen, anstatt sie zu vermeiden, zu umgehen oder dein Leben entsprechend einzurichten, dass ES überhaupt nicht mehr passiert. Man wächst ja schließlich an seinen Aufgaben 😉

Viele glauben, Konfrontationstherapie habe den Effekt, dass

  • du deine Horrorfilme mit der Realität abgleichen kannst und im besten Fall zu dem Schluss kommst, dass die Realität nichts mit deinen Gehirngespinsten zu tun hat.
  • du merkst, dass z. B. deine Angst mit der Zeit abnimmt und vielleicht am Ende sogar ganz verschwindet.
  • du die schwierige Situation meisterst und mit der positiven Erfahrung deine Komfortzone erweiterst.

Kurz: Je häufiger du dich stellst, umso besser.

Ist das tatsächlich so? In der Verhaltenspsychotherapie wird Konfrontationstherapie bei klar strukturierten Ängsten angewandt, z. B. bei Phobien. Der Moment, in welchem man sich seiner Angst stellt, wird dabei therapeutisch vorbereitet, währenddessen begleitet und nachbesprochen. Der Rahmen ist also sicher und geschützt. Eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg solcher Verfahren.

 

Konfrontation hilft, wenn du weißt, du bist sicher.

 

Für schwierige Situationen, die dich heftig aus dem Gleichgewicht bringen können, weil du Angst, Hilflosigkeit, Wut oder Ohnmacht spürst, ist es wenig ratsam, dich ihnen auf Teufel komm raus alleine zu stellen, um sie zu überwinden. Was dann ganz gerne passiert, ist nämlich genau der gegenteilige Effekt:

Du speicherst die Misserfolge, die unangenehmen Gefühle und produzierst noch mehr Horrorfilme, die du als Erinnerung an deine Unfähigkeit immer wieder auf der inneren Leinwand abspielen kannst. Schlaflose Nächte aufgrund von Alpträumen sind damit vorprogrammiert 😉

Schwierige Situationen sind NICHT dazu da, dich permanent daran zu erinnern, wie unfähig du bist. Schwierige Situationen sind dazu da, dass du an ihnen langsam und in deinem Tempo wachsen darfst.

 Das klingt gut, findest du? Doch wie stellst du es an?

1. Nimm deine Gefühle und Bedürfnisse ernst

Achte auf dich bevor du dich einer schwierigen Situation stellst. Wie geht es dir? Wie fühlst du dich? Was wäre dir gerade wichtig?

Sandra ist heute müde, ihr Bedürfnis ist es, in Ruhe nochmal um den Block laufen und den Tag gut abzuschließen.

2. Unterstütze dich selbst

Wenn du weißt, wie es dir geht und was du bräuchtest, dann kannst du dich selbst unterstützen oder dir die Unterstützng holen, die du brauchst. Du entscheidest, wie du dich der Situation stellen möchtest.

Sandra muss nochmal mit Toni raus, daran führt kein Weg dran vorbei. Aber sie kann durch den Keller in die Garage gehen und ein Stück mit dem Auto fahren. Es ist zwar mehr Aufwand und braucht etwas Zeit. Dafür weiß sie, dass sie die Ruhe haben wird, die sie gerade braucht.

3. Setze deine Grenzen

Jetzt kann es gut sein, dass dir jemand sagt: „Das ist aber umständlich, sieht komisch aus oder warum machst du das so. Vertritt deine Grenzen nach außen und steh für dich ein. Sorge für die Sicherheit, die du brauchst.

Sandras Freund macht sich manchmal lustig, dass sie abends den Mehraufwand in Kauf nimmt. Aber Sandra lässt sich auf keine Diskussion mehr ein. Sie weiß, dass ihr dieser Weg heute gut tut.

Und noch was:

Ertappst du dich auch manchmal dabei, dass du denkst:

Erst wenn ich diese schwierige Situation überwunden habe, ..

Erst wenn ich es perfekt mache, ..

.. dann darf ich mich freuen und das Leben feiern.

…dann darf es mir erst richtig gut gehen.

 Bullshit!

Du darfst dich JETZT feiern, dich und deinen Vierbeiner loben für jeden noch so kleinen Schritt und es dir gut gehen lassen!

Interessiert es dich, wie Sandra die Situation gelöst hat?

Sandra erkannte, dass sie zuerst sich selbst absichern musste. Also trainierte sie Toni einen Maulkorb an. Gleichzeitig wusste sie, dass das nur eine vorübergehende Lösung sein konnte. Denn die enge Situation im Eingang und die damit verbundenen Schwierigkeiten blieben. Sie ließ den Anspruch hinter sich, in dieser Wohnung bleiben zu müssen bis sie das Problem endgültig würde gelöst haben und fand bald eine neue Wohnung, die besser zu ihren und den Bedürfnissen ihres Hundes passte.

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 Denkst du, man sollte sich schwierigen Situationen stellen? Welche Erfahrungen hast du gemacht?

Anna Meißner

Anna Meißner ist Strukturgeberin für Persönlichkeit & Entwicklung. Sie hilft Menschen, sich selbst auf die Spur zu kommen, um mutig und klar ihren Weg zu gehen.

4 Comments

  1. Liebe Anna,
    ein wirklich schöner Blogbeitrag! Ich denke, dass heute erwartet wird, dass man sich auf Teufel komm raus seinen Ängsten stellt. Das ist mutig, zeugt von Selbstbewusstsein und davon, die Dinge anzupacken. Aber ich finde genau diese Erwartungshaltung ist das Problem. Denn damit setzt sich der Betroffene wahnsinnig unter Druck. Ich muss das jetzt tun, weil es von mir verlangt wird. So denke ich zumindest manchmal. Anstatt sein eigenes Tempo zu wählen, macht man alles noch viel schlimmer. Darum danke ich dir für diesen Beitrag, der auch mir wieder in Erinnerung bringt, mein DIng zu machen, in meinem ganz eigenen Tempo!
    Ganz liebe Grüße
    Silvana

    • Hallo Silvana,

      du hast recht, die Erwartungshaltung, dass wir alles schaffen können, wenn wir nur wollen, wird dann zum Problem, wenn’s mal länger dauert und man Hindernisse, wie z. B. Ängste, nicht schnell genug aus dem Weg räumen kann, weil sie etwas größer sind und eine echte (!) Herausforderung sind.

      Ich freu mich, wenn der Artikel dich anhält, mal wieder in dich rein zu horchen und dein Tempo zu spüren. Du machst dein Ding!

  2. Liebe Anna,

    das ist ein sehr schöner Beitrag!

    Ich kann die Ängste so gut nachfühlen und mir ist es am Anfang meiner „Karriere“ als Hundebesitzer eines verhaltensoriginellen Hundes oft so ergangen.
    Ich habe schon richtige Schweißhände bekommen und alles hat sich verkrampft, wenn ich nur daran gedacht habe mit Meeko rauszugehen.
    Denn da MUSS ich mich ja allem stellen. Mir war noch so in den Kopf gehämmert worden „Da muss der dann eben durch, der lernt dann schon, dass alles gut ist“, dass ich das entgegen meinem Gefühl genau so gemacht habe.

    Das hat weder mir noch meinem Hund gut getan. Klar, er war immer im Stress, ich war immer im Stress… Eine echte Besserung hat erst ein entspannter Umgang und das Annehmen der eigenen Unsicherheiten gebracht. Und auch das Annehmen der Unsicherheiten von Meeko.

    Ich finde das ein wichtiges Thema, das du sehr schön beleuchtet hast! 🙂

    Viele Grüße.
    Steffi

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